Beben
Heute habe ich mal wieder ein Buch fertiggelesen. (Vor lauter Blogschreiben komme ich nicht mehr dazu.)
“Das Beben”. Martin Mosebach, 412 Seiten, Hardcover Hanser 2005, Taschenbuch dtv 2007, € 10,–.

Mosebach ist Frankfurter, Essayist und Romanautor, sogenannter konservativer Stilist (immer gleich daneben genannt “…in der Tradition von..” Thomas Mann und Heimito von Doderer) und Büchnerpreisträger 2007.
Erst neulich ist Professor J. Ratzinger Mosebachs Anregung gefolgt und hat den Schritt zurück vor das 2. Vatikanische Konzil gewagt, die lateinische Liturgie in katholischen Messen wieder zuzulassen. (Der direkte Zusammenhang ist vielleicht übertrieben, aber steckt vielleicht nicht doch mehr hinter der Koinzidenz?)
Der Erzähler des Romans, Architekt, flieht mit einem Hotelbauauftrag nach Indien, nachdem er gemerkt hat, dass seine Geliebte Manon, die Tochter seines Auftraggebers, ihn hintergeht (mit einem Maler!). In Indien treffen sich nach einiger Zeit beide wieder und finden über viele Widrigkeiten so halbwegs wieder zusammen.
“”Liebende, sich wiederfindend” - gab es jemals ein derart ratloses Liebespaar wie uns?” (S. 334)

Viel an der Faszination der Geschichte macht die Atmosphäre von Indien, dem Königshaus von Sanchor aus, die das Beziehungsdrama und alle Beziehungen darum herum in völlig fremdem Licht und sehr klischeefrei erscheinen lassen.
Großartig geschildert sind die Ansichten und Verhaltensmuster der völlig zeit-, welt- und geschichtsunabhängigen indischen Aristokraten und Mitgliedern des Königsfamilie.
Die Beschreibung der Begnungen des Indienfahrers mit dortigen Tieren ist Herrn Mosebach sehr toll gelungen: Mit der heiligen Kuh schon am Flughafen (S. 113 f, kann man auch bei Amazon als Ausschnitt vor-lesen) und anderswo, von der es dann biblisch und bachisch auch heißt: “Sie stand wie ein Denkmal am Straßenrand und achtete der Autos nicht, die an ihr vorbeisausten” (S. 115). Er malt ein Bild der Bienen und ihres totalitären Staatswesens vor seinem Fenster (S. 361) und einer sagenhaften Begegnung des Königs mit einer geschmückten heiligen Kuh im Dschungel. (S. 344)

Ich bin über Formulierungen gestolpert, die ich so auch schon lange nicht mehr bzw. noch nie gelesen habe: “Das karierte Baumwollhemd verbarg wohl ein Bäuchlein von edlem Schmer.” (S. 197). “…diese Frau mit ihrer mir jetzt geradezu hämmernd erscheinenden Gesundheit…” (S. 230). Seltsamerweise kam mir auch das Wort “Bambussopha” ganz fremdartig vor. (Auf deutsch sagt man Rattan dazu, oder?)
Nicht diskriminierend, sondern in einer Mischung aus Respekt und freundlicher Ironie beschreibt er die Personen, denen er begegnet und zitiert z.B. die Bezeichung der königlichen Hoheit im indischen Slang: “Hiseinis” (= His Highness), sodass ich jedesmal grinsen musste.

Das Buch fordert zum konzentrierten Lesen auf, wenn man alles genießen will. Die Lust, dem Inhalt nachzufolgen ist der eine Teil des Vergnügens. Die Art und Weise, wie er die Formulierungen und Sätze zusammendrechselt, ist der andere Teil.
Besonders schön fand ich öfters die Komposition von erhabenen und völlig banalen Themen und Inhalten. Z.B. hier in der Leseprobe, wo er ganz elegant die “höchste Bienenhaftigkeit”, den Kölner Dom und die Luftpolsterfolie zusammenbringt, deren Blasen Manon platzen lässt und damit irgendwie dem Architekten ihr Innerstes offenbart…
Die Formulierungen gehen manchmal auch daneben oder sind nicht zuordenbar / zu weit hergeholt, z.B. beim Schuhflicker (S. 396) “Wie er sein Material ergriff, als sei es Fleisch von seinem Fleisch.” Also bitte…
Im Betrachten des Schuhflickers, der die teuren, handgearbeiteten Schuhe des Mitteleuropäers mit Autoreifengummi repariert, findet der Architekt Erleuchtung, Erkenntnis und inneren Frieden. Seine Beziehung zu Manon nimmt danach eine letzte dramatische Drehung, der König bekommt einen Schlaganfall und das Buch neigt sich dem Ende zu.
Ich empfehle es hiermit. Es ist ein gutes Buch.