Androiden
Gerade fertiggelesen:
Ein ziemlich witziges Buch von Eugen Egner, den ich hier schon vor ein paar Tagen lobend erwähnt habe: “Androiden auf Milchbasis”, Roman, 172 Seiten, Taschenbuch, Haffmans Verlag 1999 (den Verlag und einen Teil seines Programmes gibt’s nur noch bei Zweitausendeins). Angeschafft habe ich das Buch 2003, gelesen - nach ausreichendem Abhängen und bester Regalgärung - jetzt, im Juli 2007.
Und ich war ziemlich begeistert.

(Das ist das Titelbild)
Das Werk ist eigentlich ein abgedrehter assoziativer Text. Völlig gesponnen. Ich kann den Inhalt nicht richtig wiedergeben, eine Zusammenfassung ist auch nicht machbar. Ruben Hecht, der schon 20 Jahre lang 17 Jahre alt ist, erlebt unmögliche Geschichten. Das ist es im Wesentlichen. Er ist ein großer Fan der “Fleischfressenden Fetischziegen”, die der Autor für das Titelbild gezeichnet hat. Daran sieht man schon, wo er mit dem Leser hin will: In eine fremde Gegend.
Die ganze Geschichte kann auch eine einzige Verschwörung gegen Ruben sein. So denkt der Held Ruben selber darüber. Er fragt sich zwischendurch, ob er eine “Salbe gegen Paranoia” braucht. “Ihm konnte durchaus klar sein, dass das gesamte Universum einzig zu dem Zweck existierte, ihn fertig zu machen.” (S. 50)
Und das ist richtig komisch. Aber gewöhnungsbedürftig.
Dann bemerkt man, dass die Absurditäten innere logische Zusammenhänge haben. Alles ist aufeinander aufgebaut und miteinander verwebt (-woben). Der meiste Blödsinn hat in der Geschichte einen Anker, auf den er sich bezieht. Es ist richtiger Surrealismus, alles ist falsch, passt aber seltsamerweise zusammen. Und das macht es nur noch bedrohlich absurder.
Die Situationen und Einzelheiten haben einen inneren Sinn, es sieht lediglich aus, als sei alles und jede/r als etwas “anderes” verkleidet. Jede groteske Situation ist als ein völlig natürlicher Vorgang beschrieben. Und man ist als Leser oft völlig fassungslos. War der Autor ständig unter Drogen? Kann man das Buch nur in betrunkenem Zusatnd konsumieren?
In den Danksagungen erwähnt Herr Egner unter anderem Oiver Sacks. Und die Zustandsbeschreibungen des Mannes, der seine Frau mit seinem Hut verwechselt (Oliver Sacks: “The man who mistook his wive for a hat”) haben mit der Androiden-Geschichte sehr viel zu tun. An einer Stelle verwechselt er z.B. seine Jacke mit seinem Schreibtisch. Und das hat Folgen durch das ganze Buch.
Ein Bericht also über psychische oder mechanische Hirnerkrankungen?
Eher nicht. Hier ist der Klappentext (zum Lesen bitte draufklicken):
Sobald man unkonzentrierterweise den Faden innerhalb der Erzählstränge verliert, versteht man gar nichts mehr, denn die krassen Geschichten sind immer neu, nicht voraussehbar und noch nicht gelernt. Man kann nicht instinktiv Zusammenhänge erschließen wie bei “normalen” anderen Romanen. Hier ist alles anders.
Auf Seite 109 bestreitet Eugen Egner sogar, dass er ein Buchautor sei. Das spielt aber bei all den Fremdartigkeiten (ich sage nur: Busfahrer!) und Unwahrscheinlichkeiten (Herstellung von Androiden auf Michbasis in der Kolonie) auch keine wirkliche Rolle mehr. Aber was ist hier schon “wirklich”.

Bei Amazon gibt es zu dem Buch außer heftiger Leser-Ablehnung / Ratlosigkeit auch eine euphorisch lange Kritik, die in dem Text eine Auseinandersetzung mit dem Umgang der alten BRD mit den Bewohnern der neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung (die “Kolonie” / das “Palalleluniversum”) erkennt. Soweit würde ich bitteschön nicht gehen. Es wäre zu einfach oder zu krampfig, eine mechanische Verstellung von realen gesellschafts-politischen Verhältnissen aus dem Text herauslesen zu wollen. Dafür macht es zu viel Spass. Nein, das ist mehr als Satire.
Von Eugen Egner gibt es noch mehr Bücher, auf die man sich freuen kann, wenn man auf Groteskem steht. Ich stehe manchmal darauf. Ncht immer. aber manchmal. Hier ist die Auswahl aus meinem Regal:
Für Frau Weichbrodt und Herrn Mindernickel ist das natürlich keine adäquate Lektüre.
Übrigens: Die Bücher, die ich hier bespreche, sind nicht unbedingt wichtig oder Pflichtlektüre, stellen also keine Wertung gegenüber anderen dar, die hier nicht vorkommen, sondern sind ganz subjektiv ausgewählt, aus meinem derzeitigen Bücher-Stapel. Ich lese auch nicht systematisch. Sondern querbeet.
Bis demnächst.