Hodgkinson
Ich muss ein Buch abempfehlen, wegempfehlen. Bitte nicht kaufen:
Tom Hodgkinson “Die Kunst, frei zu sein - Handbuch für ein schönes Leben”, Rogner und Bernhardt bei Zweitausendeins, 2007. 281 Seiten, geb., € 17,90 (!).

Das ist ein ärgerliches Buch. Und ich hätte dazu geschwiegen, wenn nicht jetzt in der FAZ von Christian Geyer ein ganz harmloser Artikel dazu erschienen wäre. Deshalb muss ich jetzt etwas dazu sagen.
Klappentext: “Tom Hodgkinson, Chefredakteur des “Idler” und Experte für Müßiggang, Genuss und Gelassenheit, liefert einen neuen, verblüffend einfachen und vergnüglichen Entwurf für ein glücklicheres Leben.”
“Die Kunst, frei zu sein zeigt uns, dass die Konsumkultur keineswegs zu mehr Freiheit geführt, sondern im Gegenteil unsere Freiheit beschnitten hat. (…) Hier finden Sie überraschende Vorschläge, wie Sie sich von dem ganzen Irrsinn frei machen können.”
Dass die Konsumkultur uns mehr Freiheit (gegenüber wann?) gebracht hat (außer der Wahl zwischen Persil und Ariel), kann man aber seit mindestens 10 Jahren auch nicht mehr ungestraft als neue Idee behaupten, oder?
“Blödsinn” ist das Wort, das ich nach Lektüre vorn in das Buch geschrieben habe. Und ich habe mich geärgert, damit so viel Zeit zugebracht zu haben. Aber man hofft ja dann doch noch auf einen eingermaßen ausgereiften Gedanken. In einem Buch von Zweitausendeins.
Aber es ist insgesamt etwas zu sehr vereinfachter Stammtisch. Die Zeiten haben sich doch aus der Naivität der 80er Jahre weiterentwickelt.

Und die Argumentation, die immer wieder als Begründung dafür herhalten muss, warum alles heute so schlecht ist, lautet: Das Mittelalter war toll und fröhlich. Dann kamen die “Puritaner” (er nennt sie wirklich so) und machten Schluss mit Sport, Spiel, Spaß und Spannung. Seitdem geht es uns allen (oder nur den Engländern?) ganz miserabel.
Seite 32: “Im mittelalterlichen Florenz standen die Menschen Schlange, um einen großartigen Prediger zu hören. Nach dem Gottesdienst vergossen sie Tränen, während sie die Kirche verließen.” (Der Autor stand offensichtlich daneben.) “All diese Dramatik wurde von den Puritanern beseitigt, die der alten Kirche Aberglaube und Götzendienst vorwarfen“.
Naja, die Hexenverfolgung bekämpfte desgleichen “Götzendienst und Aberglaube”. Das ist keine Erfindung der “Puritaner”. (Wen meint er eigentlich damit? Protestanten, Evangelische, Reformatoren, Calvinisten?)
Egal, er greift sie weiter an (S. 144): “Es ist viel besser, sagte Bertrand Russel, etwas eigenhändig schlecht zu tun, als jemandem nur zuzuschauen, der es gut macht. Die Protestanten, die den Aberglauben und die Zauberei des Mittelalters angriffen, hätten sich niemals etwas so Magisches, Mächtiges und Lähmendes wie das Fernsehen vorstellen können.” Erstens: warum nicht? Und zweitens: wieso hätten sie das sollen?
Oder hier (S. 156): “Außerdem hat man uns seit den Tagen der protestantischen Revolution…” (Ich denke, er meint das, was man normalerweise unter “Reformation” versteht.) “…mitgeteilt, wir seien mehr oder weniger allein auf dieser Welt, wir dürften niemandem vertrauen und müssten einsam und schweigend leiden. Welch ein Unterschied zu der alten “Bruderschaft des Menschen” vor 1500, als wir alle miteinander verbündet waren.” Das Mittelalter war spitze.
Noch besser und völlig unverständlich auf Seite 162: “Bestimmt haben es auch die Puritaner gutgemeint, als sie Weihnachten verboten.” Haben sie das? Wann? Wo? Ist das für irgendwas relevant?
Oder das (S. 166): “Früher wurden die puritanischen Neigungen des Parlaments zudem häufig durch die lebenslustige Monarchie ausgeglichen.” Da habe ich wohl etwas verpasst.
Und (S. 174): “Die alte katholische Vielfalt wurde ein Opfer der neuen puritanischen Gleichförmigkeit.” Irgendwie muss Hodgkinson in diesem Buch einen konfessionellen Konflikt ausleben. Da scheint ein Tauma zu schlummern oder unausgegoren zu wabern.
Im Zusammenhang mit dem Ablass-Handel, mit dem die Kirche das Volk unterdrückte und erpresste, schreibt er (S. 179): “Damals brauchte man also nicht für seine Sünden zu leiden, sondern zahlte einfach einen gewissen Betrag in die Gemeindekasse ein. Damit war die Sache beigelegt. (…) In der puritanischen Welt dagegen konnte ein unmoralischer Akt nicht mehr durch Geld wiedergutgemacht werden; man zahlte durch Leid. Auch die Beichte reichte den Puritanern nicht. Es galt, ein besserer Mensch zu werden“. Was Hodgkinson wohl ablehnt.
Das Mittelalter hat es Hodgkinson angetan: Er zitiert “Masterless Men”, eine “Untersuchung der Landstreicherei zwischen 1560 und 1640″ von A.L. Beier (?), gemäß der im “Hochmittelalter” die “Armen” mit dem Boden “verwurzelt” waren, Gärten und “kleine Höfe” “besaßen”, auf dem Gemeindeland “Vieh hielten” und ihr Einkommen durch “Heimindustrie” ergänzten. Die “Armen”!
Noch eine schöne Erkenntnis, die mir völlig neu war (S. 248): “Im Mittelalter war es zu einer fast kommunistischen Verteilung von Grundbesitz und Pachtbesitz gekommen.” Ach so.
Und so geht es weiter: “Vor 1600 führte der Durchschnittsbauer ein recht angenehmes Leben. (…) Sein Lebensstil entsprach genau dem, der von einem heutigen Börsenmakler angestrebt wird, denn er hatte ein großes Haus auf dem Land mit Pferden, Vieh und einem beachtlichen Grundstück.” Ja wie zynisch kann man denn noch werden!.
Oder - sehr nett auch das (S. 273): “Auch die Freuden des Holzfeuers sind ganz besonders intensiv, wenn du gerade draußen im Schnee gewesen bist (…). Ein solches Vergnügen bleibt Leuten mit Fußbodenheizung versagt. Genau das gefiel (!) den Menschen im Mittelalter: Der harsche Kontrast zwischen Mühsal und Freude.” Quäl mich nochmal. Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt.
Ist das nicht unglaublich? So etwas hätten wir in keiner WG in Tübingen oder sonstwo diskustieren können, man hätte uns sofort in Lindenblütentee ertränkt. Heute kann man das als FAZ-Leser von Herrn Geyer empfohlen bekommen. Die Zeiten haben sich geändert.
Aber auch andere Missstände sind ihm wichtig. Hodkinson wettert z.B. gegen die schlimmen modernen Freizeitvergnügen, z.B. Bungee-Jumping (macht das eigentlich noch jemand?) “Und die Freiheit, an einem Gummiband hängend von einer Brücke zu springen, wird als eine der großen Errungenschaften des Kapitalismus gepriesen.” Von wem denn eigentlich?
Auf Seite 194 verstrickt er sich in unterschiedliche Arten des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Schichten, wie z.B. in einem Bauernhaus im Jahre 1900, die vorbildliche Behandlung der Diener im 18. Jahrhundert, Sklaven, die in der Antike Teil der Familie waren (auch prima), Herrenhäuser, die in der Art einer Kommune geführt wurden, um das Verhältnis von Herrn und Dienern zu beschreiben. (Grundsatz: Diener ist toll, Herr ist blöd.)

Das Rühmen der Unterentwicklung (S. 202) fehlt natürlich auch nicht: “In weniger entwickelten Ländern bewegen sich die Menschen in großen Gruppen (!?) und nicht allein, wie wir das in der U-Bahn und in Autobussen tun“. Hallo? Ist Herr Hodgkinson schon mal in einer U-Bahn oder in einem Bus gefahren? “In Mexiko zum Beispiel fahren Lastwagen mit 20 Leuten auf der Ladefläche vorbei, Kinder spielen in großen Scharen“. Welch eine Idylle. warum haben wir das nicht auch?
Sein Verständnis von technischer Entwicklung geht an der Realität völlig vorbei. (S. 214-215). Alles, was schlechter ist, findet er charmant. Ein unbelehrbarer Nostalgiker.
Weil das alles so ärgerlich ist, gehen die Hinweise, wie man sich gegen Konsumterror usw. wehren kann, leider völlig unter. Sie sind ja nicht ganz falsch, aber völlig bekloppt erklärt.
Schluss. Schon wieder zu viel Zeit damit zugebracht.
Bitte nicht kaufen oder lesen. Ist reine Zeitverschwendung. ich hoffe, ich habe das deutlich gemacht. Wer es unbedingt möchte: Ich leihe es gerne aus.
Bald gibts wieder eine positive Buchempfehlung, eine richtig gute. Versprochen.