Frau W. und Herr M. / 3
Am Sonntag vor 1 Woche haben sie sich aufgemacht, den großen Laugen zu besteigen. Frau Weichbrodt quälte sich sehr durch das schwere Gelände. Sie war mit ihren schwarzen Sommerschuhen und dem Kostüm leider völlig falsch angezogen.

Vor vorn hörte sie plötzlich und panisch die Stimme von Herrn Mindernickel rufen. “Was ist denn jetzt wieder passiert?” fragte sie sich.
Er war völlig in Gedanken gewesen und in eines der gefürchteten, eiskalten Backlöcher gefallen, die überall auf dem Weg zum großen Laugen lauerten. Gottseidank hatte er sich in dem weichen Untergrund nichts gebrochen.

Frau Weichbrodt hatte alle Hände voll zu tun, ihn da wieder herauszuholen (und gleichzeitig ihre Handtasche nicht in das Loch fallen zu lassen.)

Aber schließlich konnte es gemeinsam auf dem schweren Weg durch das weiche Brot weitergehen.

Frau Weichbrodt hatte definitiv den besseren Sinn für die richtige Richtung, obwohl Herr Mindernickel steif behauptete, er sei schon mehrfach, auch schon in seiner Jugend, hier oben gewesen und kenne sich hervorragend aus.

Schließlich ließ sie ihm den Vortritt. Er konnte unausstehlich sein, wenn er nicht als allererster auf dem Gipfel oder auch sonst am Ziel ankam. So eine alte Kämpfernatur war er. (Und sie fand das irgendwie einen altmodisch-charmanten Zug an ihm.)

Und so war es dann auch. Wie erwartet. Herr Mindernickel stieß einen Freudenschrei aus, als er vom Gipfel aus ins jenseitige Tal hinunterblicken konnte und warf ganz übermütig einen der herumliegenden Salzbrocken hinterher.

Frau Weichbrodt ließ ihm ganz still seinen Triumph. Und ließ sich extra etwas länger Zeit, damit er seinen gefühlten Sieg noch ein bisschen länger auskosten konnte.

Beim gemeinsamen Abstieg gab es dann keinerlei Rivalitäten mehr. Sie waren ganz 1 Herz und 1 Seele. Und unterhielten sich über ein gemeinsames Kind.