Frau W. und Herr M. / 6
Frau Weichbrodt und Herr Mindernickel fanden es hin und wieder ganz charmant, sich an ungewöhnliche Orte zurückzuziehen und sich über Gott und die Welt zu unterhalten.

Sie benahmen sich dabei wie auf einer Cocktail-Party oder einer Vernissage, als ob sie von wichtigen Leuten beobachtet würden und warfen sich mit ihren Argumenten regelrecht in Pose:
Aber natürlich hörte niemand zu. Sie sprachen auch viel zu leise, als ob das irgend ein Mensch hätte verstehen können. Es ging letztlich ja auch niemanden etwas an, wenn sie mal wieder über zukünftige gemeinsame Kinder sprachen oder über die polnische Innenpolitik.

Herr Mindernickel war an diesem Abend nicht ganz bei der Sache. Ihn plagte etwas. Ihm ging ein erschütternder und furchterregender Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, der ihm heute beim Zähneputzen gekommmen war: Er hatte den leisen Verdacht, dass zwischen Frau Weichbrodt und Cable-Joe irgend etwas gewesen war. Oder immer noch ist. Mehr als sonst üblich.

Er beobachtete sie genau. Joe’s Verhalten beim Autokauf war ihm etwas zu freundschaftlich vorgekommen. Und Frau Weichbrodts Reaktion und Verhalten Joe gegenüber etwas zu überschwenglich und überdreht. Hatten die beiden sich eigentlich schon früher gekannt? Bevor er die Bekanntschaft von Frau Weichbrodt gemacht hatte?

Der Gedanke nahm mehr und mehr Gestalt an, je länger er sich das ausmalte und stand plötzlich wie ein Klotz zwischen ihnen beiden. Oder redete er sich nur etwas ein? Beweisen konnte er ja sowieso nichts. Es war ein dumpfes Misstrauen, ein (noch) unscharfes Eifersuchts-Gefühl rumorte unordentlich in ihm.

War es möglich, dass sie gerade anfingen, sich auseinanderzuleben? Gerade jetzt, wo sie sich so prima verstanden und eigentlich immer auf derselben Wellenlänge lagen? Oder war das krankhaft / neurotisch von ihm? Wie sollte er damit umgehen? Er musste es klären. Er spürte einen leichten Stich in der Herzgegend. Das konnte er nicht ertragen.