Heinerblog

2.9.2007

Ingrid Caven

Abgelegt unter: Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:40

Ich erzähle was zu einem Buch, das schon lange auf meinem Stapel liegt: Jean-Jaques Schuhl: “Ingrid Caven”, Die Andere Bibliothek, Band 201. Frankfurt, Eichborn 2001. 309 Seiten, Lesebändchen, Fadenheftung, von Franz Greno wie immer ausgezeichnet ausgestattet.

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Einige Facts: Schuhl ist derzeitiger Lebensgefährte von Ingrid Caven. Rainer Werner Fassbinder (RWF) war eine Zeitlang mit Frau Caven verheiratet. Hans Magnus Enzensberger, der 1985 die Andere Bibliothek mit Franz Greno zusammen gegründet hat, schrieb mehrer Liedtexte für Ingrid Caven. Außerdem schrieb Enzensberger das Libretto zu der Oper “La Boite” von Oskar Stasnoy, in der Ingrid Caven die “Hauptrolle” spielt. Frau Caven steht derzeit zusammen mit Bruno Ganz vor der Kamera. Damit sind einige Zusammenhänge erstmal geklärt.

Was ist mir im Gedächtnis geblieben:

S. 63: Wie Ingrid Caven in New York, im Chelsea Hotel (Leonard Cohen!), in den 60er Jahren, in einer Sitzbadewanne, die schwarz war vor Kakerlaken, etwas unter Drogen, erstarrte und dann von RWF gerettet wurde.

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S. 66: Wie Andy Warhol (”der gepuderte Vampir”) und RWF miteinander handeln um alte Puppen aus RWFs Sammlung und Mickey Mäuse aus Terracotta aus den 20er Jahren aus Warhols Sammlung.

S. 70: Wie Ingrid Caven im Pariser Hotel “Scribe” ankommt, in eine von YSL mit weißen Lilien ausgestattete Suite einzieht und ihr im Treppenhaus der Koffer aufplatzt und laut polternd die Kochtöpfe heraus und die ausladende Hoteltreppe hinunterkulleren. (Warum hatte sie Kochtöpfe in ihrem Koffer?)

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S. 74: Wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof über Ingrid Caven (sie kannten sich aus München) Kontakt zu RWF aufnehmen wollten. Hier wird die ganze Spannung und das Faszinierende des Buches deutlich: Das Leben und das Lebensgefühl zwischen Yves Saint Laurant und Mogadischu. RAF, Terrorismus und Glamour mit weißen Lilien. Von Parallelwelten sprach damals noch niemand.

Fassbinder sagt auf S. 125 (hier zitiert Schuhl RWFs “Essays und Arbeitsnotizen”): “Ich wage die Behauptung, dass von all den vielen, mit denen ich zu tun hatte und die einmal angetreten waren, den Beweis der machbaren Utopie zu erbringen, außer Peer Raben und mir vielleicht noch Ingrid Caven übriggeblieben ist.”

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S. 131: Die kurze und absurde Geschichte, wie sie der “Halbgöttin” Maria Callas, singend, im Badeanzug, in einem Tretboot, an der griechischen Küste, begegnen…

S. 165: Noch so eine Szene mit großer Fallhöhe: YSL, der sich auf Knien kniend lautstark mit Enten unterhält.

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S. 228: Hier erfährt man eine Menge über RWF als Fußballspieler, seine Rechtsaußenrolle und seine Teamfähigkeit.

S. 230: Wie Alexander Kluge (ja, genau der von “dctp”, “news and stories”, “10 to 11″ und sonst sehenswerten Fernsehsendungen, Autor von “Geschichte und Eigensinn” mit Oskar Negt undundund…) der Ingrid Caven auf RWFs Beerdigung beichtet, dass RWF gar nicht im Sarg, sondern immer noch in der Autopsie lag.

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Einiges Anekdotisches steckt in dem Buch, klar. Spass machen die Geschichten natürlich erst richtig, wenn man sich unter den Namen die konkreten Personen vorstellen kann. Wenn man sie nicht kennt (wer ist “Charles”?), bleiben sie oft unklar.

So entstehen aus Geschichten die Geschichte eines Lebens. Nicht immer chronologisch, aber immer so, dass eine Geschichte als Ausgangspunkt für andere Erinnerungsfetzen dienen kann. Nicht kompliziert zu lesen, man kann aber hin und wieder schon den Überblick verlieren.

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Auf S. 238 liest man den Bericht über einen Zettel, den RWF in der Hand hilt, als man seine Leiche fand. Auf diesem Zettel waren in 18 Punkten die Stationen des Lebens von Ingrid Caven skizziert. Bis zu ihrem Tod. Obwohl sie noch lebte. Wie in einem groben Drehbuchplan.

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RWF starb mit 38 Jahren. Er hat 40 (manche sagen 55) Filme und 20 Theaterstücke hinterlassen.

Und das ist derzeit der Stein des Anstoßes. In der FAZ vom 23. Juni 2007 warf Ingrid Caven in einem Interview der Erbin und der RWF Foundation Geschichtsverfälschung und schlechten Umgang mit dem Filmmaterial vor. Im Interview in der ZEIT vom 24. Mai 2007 war sie noch weiter gegangen. Im Waschen schmutziger Wäsche. Wer war denn jetzt noch alles mit RWF verheiratet? Hier ist ein Zeitungsausschnitt, der die Dramatik deutlich macht:

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Es ist das wahre Leben. Eine “Witwen-Soap”. Hauen und Stechen. Heiratsurkunde aus dem Autofenster geworfen! Nur vor diesen absurden Banalitäten ist so ein verrücktes Leben denkbar.

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Ein Buch, das ich empfehlen kann. Es ist nicht eine normale Biographie. Die Geschichten sind ein bisschen verwegener, derber, echter.

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