Schneider Robert “Kristus”
Es geht um ein Buch, das ich gelesen habe (am Schluss nur widerwillig):
Robert Schneider (ja, genau der von „Schlafes Bruder“): „Kristus – das unerhörte Leben des Jan Beukels“, 603 Seiten, Aufbau TB 2006, € 9,95 oder die gebundene Ausgabe, die derzeit bei den Antiquariaten liegt für 7 oder 8 Euro.

Worum geht es? Um die Wiedertäufer-Bewegung in Holland und die Eskalation, Belagerung, Brutalität und Verbohrtheit der Sekte in Münster um 1530 ff.

Eigentlich finde ich historische Romane ja blöd. Vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, dass der Autor mir auf Schritt und Tritt beweisen muss, was er alles über die Zeit gelesen und gelernt hat. Und das ist hier so. Z.B. schon auf Seite 14, als die Kinder den Wettbewerb im Schweineblasen-Aufblasen veranstalten. Das ist so genau und richtig beschrieben, dass es sogar dem Fachblatt Brigitte aufgefallen ist. Und der Aufbau Marketing Verantwortliche lässt es sogar außen drauf kleben. Als wichtigste Aussage über das Buch, das hätte zu denken geben sollen.

Es geht bei dem Wiedertäufer und bei Jan Beukels, ihrem wahnsinnigen Anführer (und geistlichem Oberhaupt) um Ideen, die Menschen gefangen halten. Aus Mangel an anderen Einsatzmöglichkeiten.
Es werden Herzen aus Leibern gerissen, es wird gebrandschatzt, „Ungläubige“, die eine andere Liturgie befolgen, werden gefoltert, bis man schließlich nur noch hofft, es möge ein schnelles Ende haben mit der Geschichte oder sie möge eine überraschende Wendung nehmen oder etwas ähnliches. Das tut sie aber nicht. Die in der Stadt Münster verbarrikadierte Glaubensgemeinschaft geht nur ganz langsam zu Grunde.
Es ist das gottverlassene Drama um die Figur des Jan Beukels, der nicht weiß, was er auf der Welt soll, weil ihn keiner braucht, und den seine besten Freunde, denen er vertraut, übers Ohr hauen. Beukels braucht ein Ventil für seinen vorwitzigen Bibelglauben.
Jan nimmt immer den falschen Weg, bringt nichts zustande, hat nur seinen Gott im Kopf, dem er dann auch die ganze Schuld gibt, wenn er sich dumm anstellt oder arrogant sein muss. Jan versaubeutelt alles, auch seine Liebschaften, ist anmaßend, asozial, ein rechter aber heftig gläubiger Widerling.
Er verzweifelt letztlich an dem Phantom und den Ideen, die er sich zurecht gedacht hat.

Es gibt einige spannende Streitgespräche zwischen Jan und Gerrit, dem Karthäusermönch, der hier die mystische und Zen-mäßige Haltung des „Loslassens“ und „Nicht-Verstehen-Wollens“ einnimmt. Gegenüber dem rechthaberischen, rechtgläubigen und glaubensgewissen Anführer der fanatischen Täufer.
Man erfährt relativ genau, wie eine öffentliche Verbrennung von Falschgläubigen (in diesem Falle z.B. jüdische Bürger aus Lissabon) organisiert wird und dass die Teilnahme 40 Tage Ablass bringt, also 40 Tage weniger, die man als „Rechtgläubiger“ im Fegefeuer zubringen muss.
Häufig geht es um die Frage, wo das himmlische Jerusalem entstehen wird: In Straßburg oder Münster? Und wann der jüngste Tag anbrechen wird. Ostern 1534 war als Datum gesetzt worden. Jan Beukels Vorgänger Mathys hatte gepredigt, dass zuerst 144.000 Menschen neu getauft sein müssten, dann würde das Reich Gottes auf Erden anbrechen.
Mathys war es noch um eine Form der Rebellion und Freiheitskampf gegangen. Er war zwar auch ein fanatischer Bilderstürmer, Bußetuer, Bücherverbrenner, wollte aber prinzipiell „außer Gott“ keine weltliche oder bischöfliche Herrschaft akzeptieren, sondern die Stadt Münster davon befreien. Sein Nachfolger Jan Beukels „verwaltete“ nur noch die Gruppe der eingeschlossenen Wiedertäufer mit Gewalt und Unterdrückung. Und führte sie in den Untergang.

Letztlich endet die Glaubensgemeinschaft während der Belagerung durch die gräfliche und bischöfliche Armee der Landsknechte in einem Terror-Regime, das im Auftrag seines Gottes mordet, um „sein Volk“ heilig zu halten. Die Tiefreligiösen sind gleichzeitig Mörder, Richter und Hinrichter ihrer eigenen Leidensgenossen.
Die Idee, sich das Leben zur Qual zu machen und Mitmenschen zu quälen, damit man es im Jenseits besser hat – lebt heute auch noch.
Die kollektive Hysterie vor dem Osterfest 1534, an dem das jüngste Gericht hereinbrechen sollte, weicht dann reiner Fassungslosigkeit der Gläubigen, als das eben nicht passiert. Lähmende Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Mathys erledigt sich selbst.
Die Geschichte der „Verräterin Judith“, (Hille Feicken), die die Stadt verlässt, um den Grafen und Belagerer zu ermorden, dann aber kläglich scheitert, wird hier auch erzählt. Weitaus besser beschrieben (mehr heroisch als kläglich) wird das blutige Ende der „Judith“ und andere Schicksale von Frauen um Jan Beukels übrigens in dem Buch von Norbert Johannimloh „Die zweite Judith“. Das müsste es derzeit in einem Sammelband von Johannimloh geben bei Zweitausendeins (im Haffmans Verlag natürlich). Das ist auf alle Fälle sehr lesenswert. Aber das ist nur eine Nebenbemerkung.

Am Ende wird in Münster die Regel der Ein-Ehe aufgegeben. Jan Beukels hat schließlich 17 Ehefrauen, was ihn aber auch nicht glücklicher oder menschlicher macht. Man leidet als Leser übrigens nicht mit ihm. Zumindest ich habe das nicht getan. Er ist einfach nur ein schlimmer Mensch.
Man hat am Ende auch keine Lust mehr auf halb-theologische absurde Betrachtungen. Sondern nur den Wunsch, dass nach all den blutigen Quälereien sich die „Religionen“ und ihre Statthalter auf Erden etwas zurückhalten sollten. Jede Erwähnung des einen oder anderen Gottes, jeder Bezug auf oder Begründung durch den einen oder anderen erscheint schließlich nur noch als zynisch.
Wer das ganze Bild und den Hintergrund der Geschichte haben möchte, in ausführlich religionsgeschichtlicher aber weniger romanhafter Fülle, der sollte dringend dieses hier lesen:

Gibt es antiquarisch in der rororo Enzyklopädie oder neuerdings bei Beck, glaube ich. Für wenig Geld. Der Buchhändler hat es sicherlich im Computer.
Norman Cohn geht das Thema genauer an und ist mindestens genauso spannend wie Robert Schneider. Und präziser. Das zeigt auch schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis:

Viel Spaß beim Weiterlesen!