Frau W. und Herr M. / 8
Ich hatte es ja schon mehrfach erwähnt: Herr Mindernickel war sich mittlerweile ziemlich sicher, dass seine angebetete Frau Weichbrodt ein (besonderes) Verhältnis (mit) zu Cable-Joe hatte.

Er wusste - zumindest ging er davon aus – dass sie sich regelmäßig und heimlich trafen. Womit er nicht unrecht hatte.

Sie verabredeten sich gerne im Kräutergarten der Residenz. Frau Weichbrodt liebte es, für zuhause einen Sack voll frischen Basilikums und was sie sonst dort noch entdeckte, mitzunehmen. Manchmal fand sie auch ausreichend von allen 7 Kräutern, um eine frische grüne Sauce zu machen. Das mochte Herr Mindernickel sehr. Mit Bratkartoffeln.

Und wie es der Zufall wollte – nein, es war gar kein Zufall – war auch Joe im Kräutergarten unterwegs. Er hatte den Schlauch angeschlossen und wässerte die frischen Triebe, schaffte die vertrockneten alten Blätter zur Seite und grub das Unkraut aus.

Keiner von beiden bemerkte Herrn Mindernickel der heute unauffällig Frau Weichbrodt nachgegangen war.

Es war ihm peinlich, den schäbigen Privatdetektiv zu spielen. Er hatte Herzklopfen, aus Angst vor der peinlichen Situation, in die er hineinlief. Aus Angst vor einem Streit und dem vorausschaubaren Verlust von Frau Weichbrodt. Gleichzeitig spürte er Befriedigung, weil sich seine Befürchtungen bestätigten, weil er jetzt endlich Klarheit schaffen konnte. Er wusste nur nicht, ob er das auch wollte: Recht haben.

Er machte sich stotternd bemerkbar. Sie grüßten überrascht, fröhlich und unschuldig. Er fragte, was sie denn hier tun würden. Und dann erzählte Frau Weichbrodt ihm die ganze Geschichte von Anfang an. Und Herr Mindernickel musste sich langsam erst einmal wieder sortieren.
Wie sie damals aus ärmlichen Verhältnissen vom Land in die Stadt gekommen war, von einer entfernten, ungeliebten Tante umsorgt und bemuttert wurde, dann ins Ausland ging, auf der Suche nach einer Zukunft. Sie wollte damals aus kindlicher Rache nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben. Und sie blieb ihr auch mehr oder weniger fern. Aber jetzt, nach über 20 Jahren hatte sie erfahren, dass sie einen Bruder hatte. Alte Briefe, die ihr zugespielt worden waren (irgendwie hatte hier Lully seine schrumpeligen Finger im Spiel) enthielten die alten Dokumente und Berichte davon, was damals wirklich passiert war. Cable Joe war ihr Bruder. Er war der Grund gewesen, warum sie damals zur Tante gebracht worden war. Er war sehr krank in den ersten Lebensmonaten und -Jahren und benötigte die gesamte Aufmerksamkeit (und das Vermögen) der Eltern.

Und Frau Weichbrodt musste damals also zu der Tante in die Stadt ziehen. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie jetzt wieder ein einigermaßen gutes Verhältnis zu Joe herstellen konnte, schließlich hatte sie ihm die ganzen Jahre die Schuld an ihrer unglücklichen Kindheit gegeben. Aber jetzt war alles besprochen, verarbeitet und aus der Welt geschafft.
Herr Mindernickel stand schweigend und fassungslos da. Diese Wendung der Geschichte hatte er nicht vorhersehe können. Er war sehr erleichtert, dass sein Verdacht so falsch gewesen war. Die Geschichte von Sesemi Weichbrodt (und die gute Überraschung) rührten ihn zu Tränen. Er musste erst einmal wieder Fassung gewinnen…

…. bevor sie sich gemeinsam mit einem großen Sack voll Kräuter auf den Heimweg machten. Joe war Frau Weichbrodts Bruder. Das war die beste Nachricht, die er seit langem gehört hatte. Er hätte vor Freude Luftsprünge machen können. Stattdessen bemühte er sich, Haltung zu bewahren. Seine Erleichterung war ja für Außenstehenden nicht nachzuvollziehen….