Bongartz 1 / Vortrag
Professor Bongartz, der in seinem wirklichen Leben Fleischermeister war, vertrat zuweilen sehr schräge Ansichten. Und natürlich ging es auch heute erstmal wieder ums Essen:
„Die Wirtschaft sorgt dafür, dass die neue Großweltlage durch den Magen geht. Obst aus Südafrika und Israel, Rindfleisch aus Argentinien gelangt durch die Verteilerkanäle multinationaler Nahrungsimperien in die Regale europäischer Supermärkte. Brüssel beschäftigt eine Kompanie von Terminologen zur Homologisierung europäischer Sprachstandards; aus den Zapfsäulen an deutschen Autobahnen fließt Benzin, das auf Ölen aus den Emiraten, aus Mexiko, aus Norwegen, aus Persien oder aus Nigeria basiert. Verteilungen, Verpackungen, Verbrennungen, Verdauungen schließen riesige Populationen über größte Entfernungen hinweg zu hybriden Stoffwechselgemeinschaften zusammen.“

So sprach er an diesem schönen Sommerabend.
Undine Gehscha, die zufällig zugehört hatte, konnte das nicht einfach so stehen lassen und wandte ein:
„Im Planetarisierungs-Stress werden neue Seelenformen ausgehandelt, die ihre Formatierung zwischen manischen und depressiven Momenten ermitteln müssen. Die überlieferten mühevollen Synchronisierungen von Seelenformen und Weltformen aus der politischen Klassik reichen für das Dasein in der Globalwelt nicht mehr aus. Aus den Megalomanien von gestern werden die Holomanien von heute.“

Professor Bongartz war erstaunt und holte noch einmal, diesmal weiter ins Politische sich vortastend, weiter aus:
„Mir scheint, die gegenwärtige Gesellschaft kann bei den Ekelkrisen gegenüber ihren politischen Klassen im Augenblick nichts besseres tun, als sich eine Denkpause für Grundsatzfragen zuzugestehen. Man muss Zeit gewinnen für eine Verfassungsdebatte, die in eine Weltform-Untersuchung übergeht. Vermutlich verbirgt sich in dem allgemeinen Kopfschütteln über die Unzulänglichkeiten der politischen Personale ein globales Unbehagen, das seine Form noch nicht gefunden hat – ich möchte geradezu auf Dämmerzustände einer weltweiten Bewusstwerdung über anthropologische Insuffizienzen wetten.“

Hier stimmte Undine unumwunden zu und ging sogar noch einen scharfen Schritt weiter:
„Man sollte erwägen, ob nicht die chronische Schelte gegen die politische Klasse die Projektion eines Unbehagens in der Weltkultur ist, das sich an der politischen Prominenz nur kristallisiert. An dieser wird ein neuer Typus von diskreter Obszönität sichtbar, die alle Betroffenen, Zuschauer wie Akteure, in eine gemeinsame Peinlichkeit taucht: die Überforderung auf offener Bühne, die Ratlosigkeit im öffentlichen Dienst, die Desorientierung in Führungspositionen, die Blässe im Rampenlicht. Bei uns sitzt die Ahnungslosigkeit in der ersten Reihe. Man sieht das politische Personal durch die Medien tollen und fühlt sich an die organisierte Unappetitlichkeit von Städtetournieren erinnert.

Bongartz spürte eine intellektuelle Nähe zu der netten Person und tat, was er gerne in so einem Fall tut: Eindruck machen. Er malte eine düstere Zukunftsvision:
„Große Regionen werden sich in latenten und manifesten Streiks abwenden von dem Weltform-Diktat des globalisierten Kapitals. Ebenso werden, wie längst zu erkennen, nennenswerte Teile der Bevölkerungen allem Politischen mit feindseliger Gleichgültigkeit den Rücken kehren. Man tut wohl gut daran, sich auf Jahrhundertgefechte zwischen den modernisierend - globalisierenden und konservierend - kontrahierenden Weltgegenden und Charakteren einzustellen.“

Als Hans dann auch noch dazu kam, wollte Gehscha nicht mehr weiterdiskutieren. Aus Rücksicht. Oder Vorsicht. Herrn Bongartz störte Hans keineswegs. Er war froh um den weiteren Zuhörer und überschüttete ihn mit seinem Wortschwall:
„Schärfer noch als im Zeitalter der klassischen Politik manifestiert sich angesichts dieser hyperpolitischen Großeinheiten eine schreckliche Wahrheit: Dass das Kleingruppentier homo sapiens von der Hochkultur überfordert ist, sofern es ihm nicht gelingt, symbolische und emotionale Prothesen für Bewegungen in Großräumen zu erzeugen. Wenn die Prothesen-Produktion stockt, so verlieren die politischen Klassen ganzer Länder ihre Geschäfts- und Verkehrsfähigkeit. Gesellschaften, die eben noch wie halbwegs integrierte Zivilisationen aussahen, können nach dem Verlust ihrer imaginären politischen Prothesen zu neurotischen Stämmen regredieren.“

Doch Hans hatte dazugelernt und sagte bedächtig kopfschüttelnd, einfach so im Vorbeigehen:
„Immer mehr Individuen lassen sich nach Lebensweise und Selbstbewusstsein als nomadisierende Inseln beschreiben“

Undine und Professor Bongartz waren erstmal sprachlos.

(Alle Zitate: Peter Sloterdijk „Im selben Boot“. Frankfurt (Suhrkamp), 1993, zwischen S. 52 und S. 75)