Ratzinger Funktion
Ich habe gelesen: „Ratzinger Funktion“. Texte von Thomas Meinecke, Barbara Vinken, Bettine Menke, Slavoj Zizek, Jochen Hörisch, Dietmar Dath und Felix Ensslin. Originalausgabe, Frankfurt (edition suhrkamp) 2006, 152 Seiten, € 8,50.

„Es geht um den (damals) neuen Papst, den Katholizismus heute, es geht um GENDER Fragen. Warum bewegt die katholische Kirche immer noch?“
Ratzinger soll zwischen Popstar als Bravoposter und Dogmatiker erkundet werden. In Thomas Meineckes Monolog sind Ratzinger Zitate nebeneinander gestellt, die etwas Licht ins Dunkle bringen können. Man erkennt darin z.B., warum in Ratzingers Augen ökumenische Gottesdienste nicht möglich sind.
Zuweilen kommt einem die alte Frage wieder hoch, ob es vielleicht klüger wäre, über dieses Thema nicht mehr weiter zu reden oder zu schreiben. Jedes weitere Wort macht ja alles nur noch schlimmer. Warum verschwenden wir immer noch unsere Energie an so etwas? Wegen ihrer Macht?

Barbara Vinken analysiert Ratzingers Marianismus (sehr spannend) und kommt zu dem Ergebnis, dass er damit alle strukturelle Frauenfeindlichkeit und allen Antisemitismus ad acta legt. Das neue weibliche Ideal der katholischen Kirche stellt Barbara Vinken als nach-modern positiv dar. Aber dann wird am Ende auch deutlich – nachdem sie vorauf gegangenen frauenfeindlichen Traditionen nachgegangen ist – dass die katholische Kirche in der Realisierung des Anspruchs zu zögerlich ist. Das ist ihr Vorwurf an Ratzinger und seine Mannschaft. (Vielleicht wunschdenkt Frau Vinken auch zuviel in den Marianismus hinein.)
Bettine Menkes Beitrag verstehe ich nicht. (Seltsam ist es, oberflächlich, den Faden verloren, zu lesen, ohne Hoffnung, dann aber mit neuem Mut den nächsten Satz und Absatz anzugehen, darauf bauend, dass darin Verständliches sich zeige: Z.B. S. 67 „Ohne die durch den Namen „das Messianische“ bezeichnete Dimension – „aus der Erfahrung, die sich von dem affizieren lässt, der (das) kommt, also vom KOMMENDEN ANDEREN“ – „gäbe (es) keinen Bezug zur Besonderheit des anderen“, d.i. jenen Bezug, der Gerechtigkeit erst und alleine ermöglicht UND je schon zur paradoxalen Anforderung macht.“ Ich verstehe gar nicht, um welche Fragestellung, um welches Problem es hier geht…

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Zweimal wird in dem Buch auf die „Orthodoxie“ von G.K. Chesterton (ja, genau der mit den Kriminalgeschichten von Father Brown) hingewiesen. Vielleicht sollte ich darüber auch einmal berichten.
Slavoj Zizek geht es unter anderem um „Glauben“, und „so tun als ob man glauben würde“. Einen schönen Satz von ihm habe ich mir notiert: „Ist die ultimative Form der Ideologiekritik heut daher nicht die Ironie? Ironie im genauen MOZARTSCHEN Sinne, nämlich die Behauptungen ernster zu nehmen, als die Subjekte, die sie äußern?“
Und dann kommt er zum Fundamentalismus. Seine These: S. 106: Skeptische Zyniker und Fundamentalisten akzeptieren nicht, dass authentischer Glaube durch einen absurden Akt der Entscheidung entsteht. Für Fundamentalisten sind religiöse Akte und Äußerungen positives WISSEN. Demnach ist der Fundamentalismus in erster Linie eine Gefahr für den authentischen Glauben.

Aber am Schluss gibt es noch eine Lutherische Pointe über die „Excrementale Identität des Menschen“. Macht Lust, mal wieder Luther zu lesen. Deftig. (S. 117)
Jochen Hörisch beschäftigt sich mit der Medienwirksamkeit des Papstes generell und bringt spektakulär den originalen vollständigen Wortlaut des Dekrets vom „vollkommenen Ablass“ für alle Teilnehmer des Weltjugendtages 2006 in Köln. Unglaublich.
Dietmar Dath lässt in seinem Versepos „Die Auslöschung der europäischen Moderne“ in schönen Hexametern noch einmal die gesammelte Wut an der katholischen Institution aus.
Und im Monolog von Felix Ensslin geht es um die Lust an festen Werten, um die Attraktivität des Gehorchens (nicht so groß) und um den Konflikt, der darin besteht, dass man alles in Kauf nehmen muss, wenn man den katholischen festen und starken Halt haben will. Alles. Auch die Beichte.

Und jetzt?
Einige neue Ansichten und Einsichten. Man sieht etwas klarer. Alte Befürchtungen haben sich bestätigt. Vieles ist dramatischer und schlimmer geworden. Das Kapitel ist noch lange nicht beendet. Das ist sicher.