Heinerblog

20.10.2007

Perutz - St. Petri Schnee

Abgelegt unter: Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:32

Ich habe anzubieten: Leo Perutz „St. Petri Schnee“. Roman, Wien 1933, erschienen bei Zsolnay und wiederaufgelegt 1960 ebendort. Als dtv Taschenbuch in der ungekürzten Ausgabe 2006, mit einem Nachwort von Hans-Harald Müller, 201 Seiten, € 9,–.

Hier ist der Plot (Ich schreibe aus dem Nachwort ab, denn es ist etwas komplizierter. S. 194: „Mit Mitteln der modernen Chemie soll der rauscherzeugende Muttergottesbrand (ein Pilz im Getreide), auch St.-Petri-Schnee genannt, synthetisiert werden, um ihn dann den Menschen zu verabreichen. Diese würden daraufhin – so die Überzeugung des Barons – in einem religiösen Massenwahn zum „Gottesglauben“ zurückkehren und das Kaisertum der Staufer restituieren.“

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Der Baron glaubt, den Getreidepilz, das Gift, überall dort geschichtlich nachweisen zu können, wo heftige religiöse Bewegungen und Glaubensexzesse ausgebrochen sind. Z.B. auch bei den Wiedertäufern in Münster (siehe Blogeintrag vom 12.09.07).

Die Geschichte spielt auch wieder im Westfälischen (eine interessante Gegend). Bei Rheda und Osnabrück. In den 30er Jahren des 20sten Jahrhunderts. Dort soll der Baron Malchin ein quasi mittelalterliches Gemeinwesen unterdrücken, den Bauern Landmaschinen verbieten, Öllampen elektrischem Strom vorziehen usw.

Sein Größenwahn ist, Nachfolger des Stauferkönigs Friedrich II. würden noch leben (er glaubt, er hätte einen solchen adoptiert) und mit seiner Hilfe – von Gottesgnaden – würde er die Herrschaft (worüber?) übernehmen können. Dieser „Übermensch“ von „echtem Blute“ würde „die Zeit verwandeln und ihre Gesetze ändern“. (S. 165)

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Nur der Pfarrer des Dorfes wehrt sich gegen die Glaubensdroge. Natürlich, weil sie an den Baron gekoppelt ist, der die Dorfbewohner von ihm statt von IHM abhängig und hörig machen könnte.

Andererseits auch, weil er als Hüter des kirchlichen Glaubens dem Wildwuchs von Schwärmern und Fanatikern Einhalt gebieten muss und sie in die rechten Schranken zu weisen hat. Außerdem- und das sagt er ausdrücklich – ist die freie Entscheidung maßgeblich. Und unter Drogen geht gar nichts.

Letztlich geht der Plan des Barons Malchin nicht auf.

Es geht hier natürlich auch um eine Liebesgeschichte zwischen dem Dr. Amberg, der als Arzt ins Dorf kommt, und „Bibiche“, der einzig deutlich dargestellten Frau im Buch. Sie kennen sich schon aus Studienzeiten in Osnabrück. Mit ihr beginnt er eine Affaire, die aber vom Baron baldigst und schwerstens gestört wird.

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(Das ist übrigens Max Ernst, und die Technik heißt “Frottage”!)

Dr. Amberg, der Ich-Erzähler, der am Anfang des Buches aus einem Koma erwacht, schildert alles so, als ob es nicht unbedingt reale Erlebnisse wären. Er sieht sich selbst als Spiegelung, hat häufig Deja vus (?), hellseherische Momente, nimmt die Umwelt und die Vergangenheit oft anders wahr als alle anderen, usw. Er hat Momente mit Gedächtnislücken (Absenzen) und schildert ein Gespräch z.B. mit wechselnden Orten und wechselnden teilnehmenden Personen.

Es geht also um Träume, in denen man leben kann und in denen einem keiner etwas wegnehmen kann. Und um die Realisierung der Träume, die dann in Verwirrung, Chaos und Unverstand endet. Wenn sie mit den Wirklichkeiten der anderen zusammenprallt.

Erzählt Dr. Amberg auf dem Krankenbett also einen Traum, den er immer weiterspinnt und weiterführt? (Ein Indiz: der permanente Geruch von Chloroform in seinem Zimmer) oder ist es doch eine schlau versteckte, geheime Wirklichkeit, von der nur wenige der teilnehmenden Personen wissen? Diese Frage bleibt am Ende offen.

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Leo Perutz, der diesen Roman über einen Fanatiker und Tyrannen 1933 schrieb, starb 1957 in Bad Ischl. Wie dann doch wieder eins zum anderen kommt…. (siehe Blogeintrag vom 20.07.07)

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