Bongartz 6 / Frau Weichbrodt
Ja, da hatten sich jetzt endlich 2 gefunden. Frau Weichbrodt, die langsam über den Verlust ihres verehrten Herrn Mindernickel hinweg kam und ihr Retter, Herr Professor Bongartz, der Schlachtermeister und Wildschweinzüchter aus Texas, USA.

Sie hatten sofort einen Draht zueinander gefunden. Vor allem Frau Weichbrodt. Sie fand ihn viel offener und zugänglicher als ihren verflossenen Herrn Mindernickel, obwohl sie solche Vergleiche eigentlich blöd fand. Aber es war eben objektiv nun einmal so.
Bongartz war anschmiegsamer, verstand ihre Gefühle und Bedürfnisse auf Anhieb und viel genauer. Als wäre er ein Kissen, in das sie sich hineinfallen lassen konnte.
Sie wollten schnellstmöglich zusammen ziehen und – das war die eigentliche Neuigkeit – gemeinsam nach Texas gehen um dort zusammen zu leben.
Sie trafen Hans and diesem schönen, schon etwas frischen, Abend und erzählten ihm von ihren Plänen.

Hans, wie immer skeptisch, fragte offen, ob sie sich das gut überlegt hätten – schließlich sei da ja ein nicht zu verachtender „cultural gap“ zu überwinden…

Aber Herr Professor Bongartz lachte: „Deine Vorstellungen sind ja auch schon 30 Jahre alt. Texas ist einer der am meisten – auch kulturell – ausgezeichneten Staaten in den USA!“
Aber genau das war es, was Hans störte: Dass alles, was irgendwo entstand und langsam sich entwickelte (oder eingekauft wurde), gleich immer gewinnen musste, um seine Berechtigung zum Dasein zu beweisen. Dieser Wettbewerbswahn, dieses Gegeneinandermessenmüssen, das einen keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ, keine Luft ließ, Unbekanntes auszuprobieren, das eventuell nicht den gängigen Markt- und Messkategorien unterlag, dieses zwanghaft Bestätigende, das durch die Wettbewerbe immer wieder manifestiert wurde.
Gab es denn nicht mehr Ideen, die außerhalb dieser Spielregeln lebten? War da nicht mehr, als das, was die Juries dieser Welt beurteilen und bewerten konnten? Wurde nicht mehr wahrgenommen, was einen Wert hatte, auch wenn es nicht gleich einen nachweisbaren „Erfolg“ haben sollte?
Warum ging es nicht mehr um die Sache als solcher, sondern immer nur darum, irgendwie „besser“ zu sein?. Oh ja, da gab es sehr wohl einen Unterschied. Aber warum konnte er den niemandem mehr verständlich machen? Waren alle schon so schräg konditioniert? Glaubten alle schon an die einzigen selig machenden Spielregeln der Wettbewerbs-Juries?
Egal. Er wünschte ihnen Glück. (Und grub seine Gedanken wieder ein.)

Und Glück sollten sie auch haben. Sie nahmen nichts mehr um sich herum wahr.

Die Welt schien golden. Sie waren glücklich. Wer wollte da spinnert herumkritisieren…?
