Frau von Tuemmler 1 / Ahorn
Frau von Tümmler war alleine. Gelangweilt. Sie war nicht gern alleine. Sie war gern unterwegs, vor allem in Gegenden, wo es warm und sonnig war.

Heute fühlte sie sich sogar einsam. Sehr. Herr Marquardt hatte seit damals, als sie sich auf der Perlenkugel begegnet waren und er sich so verantwortungsvoll um sie gekümmert hatte, auch nichts mehr von sich hören lassen. Typisch.

Irgendwie hatte sie bisher noch nicht so richtige Glück gehabt, was ihre Beziehungen und Männer im allgemeinen betraf. Sie sehnte sich langsam nach stabilen Verhältnissen. Oder wenigstens einem. Zur Zeit war da aber nichts in Sicht. Herr Marquardt? Ja. Schon, irgendwo. Aber nicht wirklich.

Es war alles sehr deprimierend. Es war auch noch Herbst und abends schon früh dunkel…
Auf ihrem Weg kam sie an einem ihr bislang unbekannten Objekt vorbei, mit dem sie zunächst gar nichts anfangen konnte. Sie wusste nicht, was es war. Es lebte offensichtlich nicht mehr oder hatte nie gelebt… Sie untersuchte es von allen Seiten.

Es hatte wohl aber einen organischen Ursprung. Etwas vertrocknet, blattähnlich, offensichtlich vom Himmel gefallen. (Oder von jemand da hin gelegt? Für sie?) Es hatte eine geheimnisvolle dicke Kapsel am einen Ende, am anderen eine fast durchsichtige, von hölzernen Stegen und Adern durchzogene Flügelform.

“Das könnte ich doch prima zu einem Segel für mein neues Böötchen umbauen”, dachte sie sich. “Das Material ist ideal. Sieht aus wie Ahorn.”

Sofort entschieden, hatte sie nichts anderes mehr im Sinn. Sie freute sich schon auf ihren nächsten Urlaub am Meer, mit ihrem neuen Boot, mit dem neuen Segel. Alle düsteren Gedanken waren auf einen Rutsch verschwunden.

Sie klemmte sich ihre Beute unter den Arm…

…und machte sich auf den Heimweg. Sie war eine begnadete Heimwerkerin. Und sie freute sich darauf, das neue Segel Herrn Marquardt zu zeigen. Er wäre sicherlich auch begeistert.
