Frau W. und Herr B. / Orakel 2
Das vierte Türchen…:
Die alles entscheidenden Frage „Kann man aus Erdbeeren Wurst machen und wen ja, wie?“ stand auf einem Blatt Papier, das Herr Professor Bongartz und Frau Weichbrodt jetzt mit viel Gefühl aber auch mit Nachdruck durch das Herz in der Orakeltür drückten.

Und es passierte, was passieren sollte. Herr Manfred drückte es später in der Wirtschaft gegenüber Hans und den anderen Mittrinkern so aus: „Dann hörte man einen verzwickten, unterdrückten und verstohlenen, perfiden Pubs. Nicht laut, aber trotzdem nicht überhörbar. Wir überhörten den Brummer natürlich verschämt, aber dennoch kichernd. Dann… endlich, die Tür öffnet sich – trotz guter Ölung – knarrend und ausladend. Wir wichen alle zurück und warteten gespannt auf die Prophezeiung des allmächtigen Orakels“

„Jeder wünschte das Abbild des Orakels zu erblicken,“ fuhr Manfred geschwollen fort, „doch durch den suppigen und schweren Myrrhe- und Weihrauchnebel…“ (hier übertrieb Manfred maßlos) „…war nur ein unscharfes Bild des wundersamen Orakels zu erkennen… Das Orakel ist uneinsehbar und unerreichbar hinter dem gepanzerten Feuilleton eines Tageblattes verborgen. Dahinter muss ja normalerweise ein schlauer oder ein aufgeweckter Kopf stecken, der den Bürgern den Weg weisen kann.“

„Wieder war ein Pubs zu vernehmen, alle horchten wir auf. Oh ja, das Orakel hatte gesprochen! Alle wussten nun den Weg, das Ziel, den Sinn und alles andere, was wir anstreben sollen und müssen. Vor allem natürlich die beiden Amerikafahrer“

In Wirklichkeit hatte das Orakel natürlich mehr als „einen Pubs“ von sich gegeben. Das war Manfreds Version der Geschichte, wobei Manfred die eigentliche Antwort des Orakels gar nicht richtig hören konnte. Das Orakel sagte in etwa folgendes (oder flüsterte es eher):
„Frühstück: Grottenschlecht. 1 x Rote „Erdbeerwurst“, 1 x andere Wurst (rollte sich nach wenigen Tagen selbstständig zusammen), 1 x immer den gleichen Käse, Eier waren mittlerweile blau gekocht, Spiegeleier, Speck, Schmalzringe, Tomaten, Würste (würgh).
Größtenteils 1 ! Sorte (Fertig)Marmelade, übersüßte wässrige Fruchtsaftgetränke aus Automat
4 Sorten Müslibestandteile, Kaffee Teebeutel, hier und da Schüssel Joghurt, Toast, „Aldi“Brötchen, hier und da mal Crossaints …..
Mittagessen: Kantinenfutter. Pommes (matschig), Nudeln (geschmacklos) lieblos zurechtgehackter Salat, Fleisch, das man irgendwann nicht mehr sehen konnte.
Abendessen: Die ersten 4 Tage (Vor Anreise vieler Gäste) annehmbar gut, dann täglich schlechter werdend. Resteverwertung = Bsp: Tag 1 Hühnchen – Tag 2 Hühnchenspieße (Trocken) – Tag 3 Hirtentopf o. „Paela“ mit Hühnchen (gleiches Fleisch) – Tag 4 gleicher Hirtentopf/“Paela“ mit Spiegeleier vom Morgen. Die Wurst und andere Bestandteile fand man immer im Mittag, bzw Abendessen wieder. Hier und da gabs auch mal ein Highlight, das waren aber eher die Ausnahmen. Viel Fertig-Parniertes für die Friteuse
Gut: Eis für Kinder, Annanas (bis auf die alte braune), Melonen gabs immer, Wackelpudding in allen Spektralfarben, Kuchen, Pudding.
Vegetarier, Zuckerkranke … besser in ein anderes Hotel !
Auswahl: Bescheiden.
Getränke: Gut bis wässrig. Longdrinkzutaten wurden immer weniger, Bier absolut ok !, Wein mal gut mal undefinierbar (metallischer Geschmack). Cocktails und Sangria nur gegen Bezahlung
Empfehlenswert: Rose-Wein, Bier. Whiskey allemal.“
Damit war dann wohl alles gesagt! „Bier absolut ok !“ „Whiskey allemal.“
„War das denn jetzt die Antwort auf unsere Frage?“ Frau Weichbrodt war unsicher. Sie meinte, aus den Sätzen des Orakels ein „Nein“ herausgehört zu haben, man könne keine Wurst aus Erdbeeren machen. Herr Bongartz glaubte, ein klares „Ja“ verstanden zu haben, aber mit einem großen „Aber“ dahinter. Der kritische Ton der Speise gegenüber war unüberhörbar.

Wie dem auch sei. Schließlich war für sie alle die Befragung erfolgreich. Beide nahmen es als gutes Zeichen, dass das Orakel so ausführlich geantwortet hatte. Und beide hatten sich die Worte des Orakels ganz genau eingeprägt. Nicht eine Silbe davon würden sie jemals vergessen. Die Türe quietschte wieder zu und mit einem lauten „klack“ wurde sie wieder von innen verriegelt. Das Orakel wollte wieder alleine sein.
Edith Hübsch eilte wieder nach Hause, von wo sie mitten aus einem Großputz aufgebrochen war, um dem Orakelspektakel zuzugucken. Manfred machte sich auch auf in die Kneipe, wo Hans schon auf ihn wartete, der Depressive.
Frau W. und Herr Professor B. zogen ebenfalls von dannen. Arm in Arm. Sie hatten eine große Zukunft vor sich. „Auf nach Texas,“ dachte sie, „der Sonne entgegen.“