Edith / Madeira
Seit Herr Schabulsky nicht mehr aufgetaucht war, lief Sabine, seine Frau, genannt die Sabse, nur noch grantelig durch die Gegend. Ihr gefiel gar nichts mehr. Nichts konnte sie erheitern oder gutfinden. Früher war es ihr Mann gewesen, dem sie alles erzählen konnte, der ihr immer zuhörte, wenn ihr etwas auf den Wecker ging. Jetzt brauchte sie immer jemand anderen, und sie nahm, wer ihr gerade über den Weg lief.
Heute traf sie zufällig Edith Hübsch, die ihren freien Tag hatte. „Na, haben Sie sich von dem Patronenüberfall wieder erholt?“ erkundigte sie sich schon gleich etwas schnippisch. „Ja sicher“, antwortete Frau Hübsch vorsichtig. „Das war ja weniger ein Überfall als einfach Vandalismus und weniger Stress als die Zeitungen berichtet haben. Sie wissen ja, da wird eine kleine Geschichte oft ganz groß aufgebläht.“
„Trotz allem, das müssen Sie doch zugeben: Jetzt sind Sie eine Berühmtheit. Da hat man doch sicherlich auch was davon, wenn man berühmt ist, oder nicht?“ Das war es also: Sabse war neidisch und eifersüchtig.
„Naja, es ist schon merkwürdig. -“ Edith gab es ganz offen zu - „Man hat mir diese Ladung Weitrauben zukommen lassen, als Anerkennung meiner Leistungen sozusagen. Was ich damit anfangen soll, hat mir allerdings niemand gesagt. Ich bin einigermaßen ratlos.“

„Ah ja, von der Weinkellerei Pahlhuber und Söhne, die kennt man ja aus dem Loriot Vertreter-Sketch….“ „Ja? Ich nicht, aber egal…“ Edith war verwundert, dass Frau Schabulsky in kulturellen Dingen so bewandert war. „Brauchen sie nicht ein paar Kilo Trauben? Die sollen wirklich gut sein!“
„Nein danke, da müssen Sie schon alleine damit zurecht kommen. Wo ist eigentlich Ihr Fahrer hin verschwunden?“

„Der hat mir das hier als Tipp gegeben. Ich soll die Ladung zu Madeira Wein verarbeiten lassen, da würde ich noch am meisten dafür bekommen, bevor das ganze Zeug verdirbt. Die Trauben von Pahlhuber seien dafür der beste Rohstoff. Und jetzt sucht er gerade einen Kellermeister, bei dem wir die Ladung abladen können.“

„Blödsinn, so was habe ich ja noch nie gehört. Das ist doch Quatsch!“ ereiferte sich Sabse und wusste es natürlich besser: „Da haben Sie sich schwer veräppeln lassen. Das stimmt so nicht. Madeira Wein braucht Trauben aus Madeira, nicht von Pahlhuber. Sowas Blödes! Da kommen sie nicht weiter.“

„Naja, wie dem auch sei: Ich habe ja noch ein paar Tage Zeit, wenn das hier nicht klappt“, wimmelte Edith einen weiteren Meinungsaustausch ab. „Irgendetwas wird mir schon einfallen. Zur Not esse ich sie alle selber!“ „Machen Sie das, aber ich kann Sie nur warnen: Manche Mägen reagieren ziemlich sauer auf zuviel von dem Zeug. Aber jetzt muss ich los. Bis bald mal wieder. Und viel Glück noch!“ verabschiedete sich Sabse und zog triumphierend von dannen.
„Was eine seltsame Person“, dachte sich Frau Hübsch und wartete weiter auf ihren Fahrer und einen intelligenten rettenden Einfall.
PROSIT NEUJAHR !