Manfred 2 / Walzenfahrt
Manfred war erstklassiger Walzenfahrer.

Damit verdiente er seinen Lebensunterhalt. Er war ein wahrer Künstler darin. Und weil es eine so verantwortungsvolle Tätigkeit war und eine gefährliche obendrein – wie schnell konnte einem das Ding mal über den Fuß fahren, wenn man nicht aufpasste und es sich selbständig machte, wie schnell konnte es versehentlich einen Abhang hinunterrutschen – aus diesen Gründen wurde er auch königlich für sein Können bezahlt. Ungefähr so wie ein Lokführer.

Nicht umsonst nannte man ihn im Betrieb schelmisch auch den „Walzenkönig“. Manfred hatte es eher mit dem langsamen Walzen. „Je schneller, desto rauher“, war sein Arbeitsmotto. Und damit war bislang immer alles glatt gegangen.

Hans hatte er schon lange einmal versprochen, eine Probefahrt auf seinem Henschel machen zu lassen. Denn Hans war Baggerfahrer gewesen, bevor er wegen seines Meniskus’ ans Fließband, in die Produktion, wechseln musste. Er arbeitete jetzt im Akkord und trauerte oft den alten Zeiten von Freiheit und Abenteuer nach, als er noch selbst die Hebel in der Hand hatte und den „Feuerstuhl“ unter sich spürte.

„Neinnein, geh weg, lass mich, ich weiß schon, wie ich so einen Henschel bedienen muss! Das ist genauso wie beim Hubbagger, da kenne ich mich aus!“ wehrte er Manfreds Einweisung und Gebrauchsanweisung ab.

Manfred ließ ihn machen, aber blieb in der Nähe. Sicherheitshalber. Schließlich… – wenn was passiere würde, wäre er dran. Das konnte er sich nicht leisten.
Also ging es los. Starten war kein Problem. Lenken auch nicht. Die Walzen drehten sich langsam quietschend und es ging vorwärts. Dann schneller. Fast wie im Flug. Hans genoss es. Es war wie früher. Bis auf das Hindernis, das plötzlich im Weg lag.

Ein dickes schwarzes Ding, das da nicht hingehörte. Was war zu tun? Außenherumfahren ging nicht. Rückwärts wollte er nicht. Manfred gab ihm den Tipp: „Schalt einfach den Allradantrieb ein und die Differenzialsperre aus, dann müsste es gehen.“

„Na ein Unimog ist das doch nicht!“ meinte Hans, aber er tat, was Manfred gesagt hatte. Diese zusätzlichen Hebel und Schalter kannte er aus seiner Baggerzeit nicht.
„Nein“, antwortetet Manfred, aber er hat die Bodenfreiheit eines Freelanders und die Power von einem Cayenne Turbo.
„Sauber!“ freute sich Hans. Es ging etwas holperig, Manfred fürchtete um Stoßdämpfer, die Radaufhängung und den Auspuff beim Runterplumpsen (Nein, der war ja oben!). Aber es schepperte nichts verdächtig. Schien also alles glatt gegangen zu sein.

„Suuuuper!“ Hans war voll begeistert. „Das machen wir gleich noch mal. Der hat ja Kraft!“ staunte er und wollte wieder zurückfahren.
„Nein nein, lass mal. Geht jetzt nicht. Ich muss das Ding gleich wieder zurückbringen. Ein anderes mal gerne wieder….“ Er zögerte.
„Aber sag mal, Hans, was ganz anderes – unter uns, das brauchst du ja niemand weiter zu erzählen – : Du kennst doch auch die Sabse Schabulsky, oder?“
„Klar, die kennt doch jeder! Teufelsfrau! Hat alle im Griff. Der ist doch auch der Mann davongelaufen und nicht mehr aufgetaucht! Haben wir nicht kürzlich davon gesprochen? Nach dem Singen?“
„Ja, das haben wir, aber hast Du eine Ahnung, was Deine Adelheit zur Zeit im Schilde führt? Da ist irgendwas gegen Sabse im Gange, ich hab nur noch nicht herausgefunden, worum es geht. Frau Gehscha und Edith Hübsch sind da auch beteiligt …?“
„Was? Meine Adelheit?” musste Hans lachen, “Was hat die denn damit zu tun? Ich hab keine Ahnung, Manfred. Ich wird’ sie gleich mal fragen. Ich kann mir höchstens denken, dass…“
„Nein, lass mal, behalt’s mal für Dich, ja?“

„Hans! Da bist du ja! Ich such dich schon überall!“ Adelheit war auf dem Weg zur Krankengymnastik (wegen Rücken!) und wollte ihrem Gatten noch kurz das Problem mit dem Wasserhahn im Badezimmer als Hausaufgabe geben, das immer noch nicht gelöst war. Der Hahn tropfte immer noch.

Damit war die Unterhaltung zwischen Hans und Manfred natürlich beendet und das Ausforschen zum Thema Sabse auch. Manfred kümmerte sich um seine Walze und verabschiedete sich zügig. Adelheit dachte kurz darüber nach, wie man dieses Höllenteil verwenden könnte, um Sabse aus der Welt zu schaffen. Aber nur kurz, dann verwarf sie diese blutigen Gedanken wieder.
Manfred war kein bisschen schlauer als zuvor. Jetzt musste er direkt mit Sabse reden.