Murakami - Aufziehvogel
Auf mehrfache Empfehlung hin habe ich gelesen:
765 Seiten Haruki Murakami „Mister Aufziehvogel“. Aus dem Englischen übersetzt von G. und D. Bandini, Köln (DuMont Buchverlag) 1998 bzw. als Taschenbuch bei btb (randomhouse, vulgo Bertelsmann) 2000, € 12.50. Ein schöner Wälzer. Man ist ganz stolz, wenn man ihn dann geschafft hat.
Wenn man die Kritiken und Lesermeinungen liest, gehen die Ansichten über dieses Werk ja ganz schön auseinander. Es fängt schon mit der Frage an, worum es in dem Buch eigentlich geht. Auf die „spirituellen“ oder esoterischen Anspielungen und Deutungen gehe ich hier lieber nicht ein. Dafür bin ich nicht zuständig.

Ich beschränke mich auf einige „Fakten“: Es ist die Geschichte eines freiwillig arbeitslosen Rechtsanwaltsbüroangestellten. Den verlässt seine Frau. Er trifft in seiner Freizeit, von der er reichlich hat, eine überaus nette Nachbarin mit tiefsinnigen Gedanken. (Überhaupt haben immer alle, auch sein Onkel, kaum sitzt er am Tisch, tiefsinnige Gedanken und verfallen in bedeutungsschwangere Sätze.)
Er trifft in einer „fremden Stadt“ die Modedesignerin / Therapeutin Muskat mit ihrem schweigsamen Sohn Zimt. Es begegnen ihm die Wahrsagerinnen Malta und Kreta (Ja, die haben solche Pseudo-Namen) und alle begegnen ihm häufig auch in seinen Träumen.
Es spielt auch sein einflussreicher Schwager mit, der einmal die eine der Wahrsagerinnenschwestern, Kreta, vergewaltigt haben soll. (Achtung, eventuell symbolisch gemeint: Der medien- und politik-getriebene Schwager hat denselben Namen wie der Kater, der zusammen mit der Ehefrau des Erzählers verschwunden ist.)
In einem weiteren Nachbarhaus, das verlassen ist, steht ein trockener Brunnen, der sich als Zufluchtsort, Meditationsloch und Schnittstelle zu parallelen Welten erweist.

Und da beginnen für mich die Probleme. Ich kann mit Parallelwelten und Traumerzählungen nicht viel anfangen. Es sind zu viele Träume und Verwandlungen und Aufhebungen von Körperlichkeiten und Übertritte in andere Welten (im Traum oder in der realen Welt?) als dass man das noch nachvollziehen könnte. Ich habe aus Interesse und Neugier verfolgt, was der Autor noch mit dem Leser vor hat, aber inhaltlich folgen konnte ich nicht mehr. Ich habe es auch mittlerweile vergessen.
Die Träume sind unfair. Wenn der Autor etwas sagen will oder die Geschichte voranbringen will, dann soll er das tun. Wenn ein konfuser Traum „deutungswürdig“ ist, warum deutet er ihn dann nicht? Er erfindet ihn als Autor doch sowieso. Warum erfindet er etwas Erfundenes? Das ist doch unnötig doppelbödig. Also interessiert mich doch die Deutung des Autors / der Romanfigur. Sonst bin ich als unerfahrener Traumdeuter doch völlig lost. Andererseits: Wenn der Traum nicht gedeutet werden soll, warum steht er dann da? Weil es nett ist, ihn zu lesen? Naja. Verschlüsselte Botschaften, die für das Verständnis wichtig sind, in Träume zu verkleiden, finde ich jedenfalls nicht zielführend.

Ganz speziell und wirklich großartig sind aber die konkreten Figuren, z.B. der jungen Nachbarin mit ihren Zigaretten und der Limonaden im Sonnenstuhl, der Modedesignerin, und natürlich die heftig brutalen Szenen aus dem japanisch-chinesischen Krieg, die Folterberichte über die Häutung, die man eigentlich lieber nicht lesen möchte, die Brutalität aus dem Straflager unter dem System Berias („eine japanische Form des Gulags“) und die bedrängendste Erzählung überhaupt: Die Beseitigung der nutzlosen Tiere im Zoo. Da merkt man, was ein großer Erzähler Murakami ist.

Aber der Leser kriegt den einen ja nicht ohne den anderen. Also muss man das auch so zusammen sehen. Und hier ergibt sich die spannende Frage: Was haben die realistischen Grausamkeiten des letzten Krieges und die alten „Mächte“ (noch) zu tun mit den Lebensumständen der heute lebenden Japaner, mit ihrer Gesellschaft, ihren „Träumen“ und ihrer Politik? Darüber lohnte es sich sicherlich mal nachzudenken (wenn man sich beim Thema Japan etwas besser auskännte). Absichtslos stehen diese unterschiedlichen Texte ja nicht in einer gemeinsamen Geschichte.

Da gibt es auch einen chronologischen Fehler – hat den außer mir auch schon jemand bemerkt? Oder liege ich falsch? Das dritte Buch ist überschrieben mit „Oktober bis Dezember 1985“. Da das zweite Buch nur bis „Oktober 1984“ geht, müsste es richtig heißen „Oktober 1984 bis März 1985“, denn das ist der in der Erzählung beschriebene Zeitraum. (Im Text bestätigt z.B. auf S. 447 oder 449). Marukami gibt die Verwirrung auch selber zu (S. 469): „Der Ablauf der Zeit wird immer unklarer.“

Die handelnden Personen haben selber auch immer sehr viel Zeit. Das nur als Warnung. Man muss beim Lesen sehr viel Zeit mitbringen. Die nimmt sich die Erzählung nämlich auch. Es braucht immer sehr lang, bis man an einem Erzählfaden entlang zum eigentlichen Kern durch kommt.
Bei amazon kann man auch die NZZ Kritik von Ludger Lüdkehaus nachlesen, in der er einen kurzen Textvergleich zu den ersten Sätzen des Buches, die schon mal in einer früheren Version aus dem Japanischen direkt ins Deutsche übertragen worden sind, mit dem hier vorliegenden Übersetzungstext aus dem Englischen macht. Das Ergebnis: Der alte Text ist besser.
Also bitte. Einfach mal ausprobieren und lesen. Sich selber die Meinung bilden. Schadet nichts.