Krupp - Einführung in die Mischna
Ich habe mich einem schwierigen Thema vorsichtig genähert:
Michael Krupp “Einführung in die Mischna” Frankfurt und Leipzig (Insel / Suhrkamp / Verlag der Weltreligionen) 2007, 223 Seiten, anständig gebunden im Pappband, € 17,80.

(Den Klappentext bringe ich erst weiter unten.)
Ein neues Fremdwort habe ich dabei gelernt: Das “Homöoteleuton” oder die “Homöoteleuta”, griech.: In der Paläographie (!) wird so eine Verschreibung genannt, bei der ein Kopist aufgrund von gleichen Endungen zweier Wörter beim Abschreiben versehentlich von dem einen Wort zum anderen sprang und somit bem Kopieren an der falschen Stelle weiterschrieb.” (S. 203)
Hillel der Ältere, einer der wichtigsten Mischnalehrer, das wusste ich auch nicht vorher, gilt als direkter oder bewusster Lehrer und Beeinflusser von Jesus und dessen Lehren und Leben. “Jesus hat sich in den meisten seiner Entscheidungen an Hillel orientiert” (S. 97). Fraglich ist aber, ob Jesus Hillel noch persönlich gekannt hat. Aussagen aus der Bergpredigt von Jesus scheinen aber von Hillel direkt abgeleitet zu sein.
Ja, es sind die schwierigen Auslegungen des alten Testamentes, der Tora, um die es hier geht. Und damit geht es also um alles.

Das Buch umfasst die Beschreibung des Entstehungsprozesses der Mischna, die Beschreibung der vollständigen Mischnahandschriften, deren Kommentare und Übersetzungen. Dann gibt es einen Überblick über alle Mischnalehrer, die darin erwähnt werden, sowie einige Beispieltexte.
Die Mischna ist der Grundstock des Talmuds, sowohl des babylonischen als auch des israelischen. Und was hat das mit uns zu tun? “Wissenschaftlich ist es unhaltbar, das Neue Testament nur aus seiner griechischen Umwelt heraus erklären zu wollen. Das Neue Testament ist in seinen Hauptbestandteilen ein jüdisches Buch.” (S. 13)

“Die Mischna ist nicht nur ein Codex, der die religiösen Gesetze des Judentums enthält, sondern zugleich auch ein Buch, das alle Bereiche des Lebens umfasst. Allerdings ist sie nicht vergleichbar mit unserem Bürgerlichen Gesetzbuch, obwohl auch bürgerliches Recht in ihr enthalten ist. Sie ist ein Buch, das das ganze Leben regeln will, das im Judentum als eine Einheit verstanden wird.” (S. 24)
Dei Mischna ist die kanonisierte mündliche Überlieferung als Zusatz zur schriftlichen Tora (Moses 1-5). Sie wurde selbst immer zur Erörterung und Diskussionsgrundlage, weil sie mit der Zeit wachsen und sich verändern musste. Deshalb sind die Lehrer wichtig und die in ihrer jeweiligen Zeit unterschiedlichen Auslegungen der “Schrift”. Daher die manchmal absurd erscheinenden Spitzfindigkeiten (mehr dazu, wenn ich den Original Mischna Text fertig gelesen habe.)

Klappentext:
Die Mischna, entstanden bis 200 n. Chr., als erste Zusammenfassung rabbinischen Denkens, ist in sechs “Ordnungen”, Sedarim, gegliedert, die das ganze menschliche Leben, den Kultus, die Alltags- und Festtagsbestimmungen, mitmenschliches Verhalten und die Beziehung zu Gott betreffen.
Die erste Ordnung, Zera’im, Saaten, behandelt alle Gebote, welche die Landwirtschaft in Israel und die besondere, bereits in der Bibel zu findende kultische und gesellschaftliche Gesetzgebung betreffen. Die zweite Ordnung, Mo’ed, Festkalender, stellt die Feste im Judentum und ihre Gebräuche dar. In der dritten Ordnung, Nashim, Frauen, werden Probleme von Mann und Frau, Eheschließung, Familie und Scheidung geregelt. Die vierte Ordnung, Neziqin, Schäden, enthält unter anderem das bürgerliche und das Strafrecht. Die fünfte Ordnung, Qodashim, heilige Dinge, befaßt sich mit dem Tempel und mit Opfernkulten. Die sechste Ordnung, Toharot, reine Dinge, ist dem komplizierten Gefüge von rein und unrein im jüdischen kultischen Rechtswesen gewidmet.

Unabhängig von ihrer theologischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedeutung stellt die Mischna, nicht zuletzt mit ihren zahlreichen Kurzerzählungen und Gleichnissen, auch ein großes Werk der Literaturgeschichte dar, Ausdruck einer reichen Kultur und einer Zeit, die versucht, die Fragen, die an die menschliche Existenz gestellt sind, neu zu beantworten.
Die Begegnung mit der Mischna dürfte für viele heute wie die Reise in ein fremdes Land sein. Michael Krupps Einführung weist Wege durch das vermeintliche Labyrinth von Texten, indem sie die Voraussetzungen, die Anordnung, den historischen Hintergrund der Entstehung, die religionsgeschichtliche und noch immer aktuelle Bedeutung der Mischna ausführlich darstellt.