Heinerblog

18.10.2008

Hildesheimer - Tynset

Abgelegt unter: Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:03

Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt des Buches erinnern. Ich werde alt: Wolfgang Hildesheimer “Tynset”, Frankfurt (Bibliothek Suhrkamp) 1965. 270 Seiten.

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Also mal das hier zitieren: www.lesekost.de:

Ein Herr unbestimmten Alters bewohnt mit seiner Haushälterin Celestina ein Haus, wohl in der Schweiz. Gleich von Anfang an herrscht Pessimismus vor. Der Mann (Ich-Erzähler) wandert in einer Nacht durchs Haus, wie er das anscheinend regelmässig macht. Dabei erinnert sich an eine Telefonaktion, malt sich ein Fest in seinem Haus aus und plant eine Fahrt nach Tynset, Norwegen.
Zur Aussenwelt hat er keinen Kontakt mehr, ausser verlässlichen Informationen wie Telefonbuch, Kursbuch, Wettervorhersage und Lawinenbulletin.
Tynset erschien 1965, es spielt in oder nach 1963 (S. 10). Das Haus des Erzählers steht in Poschavio, Graubünden, wohin Hildesheimer 1957 gezogen war und 1991 verstarb.
Das Prosawerk (Hildesheimer nannte es bewußt nicht “Roman”) steckt voller Symbolik. Das sollte man wissen, bevor man zum Lesen anfängt. Nur manchmal blitzen Handlungen in den nächtlichen Ablauf. Ziemlich zu Beginn erinnert sich der Erzähler einer Telefonaktion, als er noch in Deutschland wohnte (S. 28). Er unternahm sie eigentlich nur um sich von der Verläßlichkeit des Telefonbuchs zu überzeugen (S. 31). Dabei ruft er willkürlich Leute an und verstört sie mit “Es ist alles entdeckt”. Die Angerufenen reagieren ertappt. Das geht soweit, dass sie kurz darauf mit dem Koffer in der Hand das Weite suchen. Kurz darauf merkt der Erzähler, dass nun sein Telefon abgehört wird. Hand in Hand mit dem Wiedererstarken der Neonazis ging und geht in Deutschland eine Überwachung der Bürger.
Hier artikuliert Hildesheimer deutlich seine Abneigung gegen die Wiedereinsetzung alter Nazis in der Bundesrepublik. In einem Brief an Hermann Kesten schrieb Hildesheimer 1963 über die BRD: “Mein Gott bin ich froh, dass ich in diesem Mistland nicht mehr wohne!”
Symbolreich ist der Abschnitt über die Hähne Attikas (S. 63ff), die Hartwig Isernhagen einem Vergleich mit Lawrence Durrell unterzieht (tynset Literatur) und zu einem Vergleich mit Dunja Barnes: Nightwood auffordert.
Immer wieder taucht der Vater Hamlets im Haus auf. Die beiden Namen “Hamlet” und “Tynset” ähneln sich. Die wiederkehrenden Motive gegen dem Text die Struktur, die Hildesheimer bewußt einem musikalischen Rondo nachgebaut hat.
Markant tritt auch mehrfach die Szene des Treffens des Verteidigungsminister (Vertreter des “neuen” Deutschlands) mit dem Kardinal (Vertreter der sich stets anpassenden Kirche) in die Erinnerung und die Aufmerksamkeit des Lesers.
Man geht nicht zu weit anzunehmen, dass der Erzähler sich von der Welt verabschiedet hat, weil er an einem Holocaust-Trauma leidet. Für ihn gibt es nur noch die Nacht. Er sehnt sich nach einem winzigen Ort in Norwegen in menschenleerer Landschaft: “Tynset, mein einziger Plan, das einzig mögliche Ziel, …” (S. 99). Doch dieses Ziel erreicht er nie.
Da ich auf den komplexen Text vor der Lektüre hingewiesen wurde, las ich Tynset mit entsprechend wachen Sinn. Das ist nötig, um falsche Erwartungen (und Enttäuschung) zu vermeiden. Nur dann kann die Erinnerungsprosa richtig gewürdigt werden. Einige Rätsel bleiben.”

 

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Und jetzt fällt es mir auch wieder ein: Da wird am Ende eine ganz hervorragende Geschichte von einem Bett erzählt, in dem nach und nach mehrere Personen zu liegen kommen und sich an einem kranken Mann infizieren. Eine Geschichte aus dem Mittelalter, wie eine Fuge erzählt. Makaber aber brilliant.

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Ich glaube, ich les das nochmal.

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