Palahniuk - Kolonie
Eins der besten Reißer, die ich in der Vergangenheit gelesen habe: Chuck Palahniuk (bekannt von “Fight Club”): “Die Kolonie” München (Goldmann) 2009. 472 Seiten, € 8,95.

Bitte unbedingt lesen: Unglaublich spannend, abstoßend, tiefschürfend, wasauchimmer.
Möchtegernautoren werden in einer “Kolonie” zusammengebracht und sollen dort Ruhe finden, um ihren ersten Roman zu schreiben. Daraus wird eine selbst geschaffene Hölle. Jede/r der 17 Personen hat eine Geschichte, die jeweils einen ganzen Roman füllen würde. Jede individuelle Geschichte wird im Lauf der (Rahmen-)Handlung erzählt.
Es geht um “Darmvorfälle”, Tötung durch Fußreflexzonenmassagen, Reiche Amerikaner, die nur noch in der Armut ihr Vergnügen finden, einen “Greis”, der sich als Kind ausgibt und Freier erpresst, einen Künstler, der andere Künstler umbringt, um berühmt zu werden, eine Polizeibeamtin, die eine Gummipuppe vor den Polizistenkollegen retten muss, einen Menschen, der sich für Geld verprügeln lässt, eine wunderschöne Geschichte um eine “Alptraumbox”, die nur Schönes zeigt und deshalb das Leben unerträglich macht, usw.

Nach und nach beginnen die “Insassen”, sich ihr Leben zu verderben. Lebensmittel werden vernichtet, elektrische Anlagen zerstört, die Waschmaschine unbrauchbar gemacht. Die “Kolonie” soll mehr und mehr eine Strafkolonie werden.
Alle sind der Ansicht dass sie daraus einmal gerettet werden und über ihre Geschichte ein Film gedreht werden wird. Und allen wird klar: Je furchtbarer und blutiger die Verhältnisse in der Kolonie, desto besser (brutaler) wird der Film werden.
Also hat jede/r den Wusch, die Situation in der Kolonie grausamer zu machen. Noch unzumutbarer.

Bis hin zu Selbstverstümmelungen und Mord. Wer am meisten leidet, so die Idee, hat die besten Chancen auf eine Hauptrolle im späteren Film. Alle kämpfen um die besten Startvoraussetzungen, indem sie sich so viel wie möglich Schaden zufügen (Fingernägel ausreißen, Zehen abhacken, usw.). Das sind religiöse, eschatologische Motive, Heilserwartungen, die zu Selbstgeiselungen der heftigsten Sorte führen. Wer würde das Buch verfilmen?

Die wahnsinnigen Schreiberlinge hoffen, entdeckt zu werden, und sie leiden, um dabei am besten (= am schlimmsten) auszusehen. Das kann überspitzte Medienwirklichkeit sein: Geschmacklos, pervers, unappetitlich. Oder was auch immer: Ein tolles Buch.